| Interview |
23.12.2005, 16:47 |
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Smart Investor im Gespräch mit Karin Kneissl, OPEC-Reporterin, Dozentin und Buchautorin, über den Zustand der Ölindustrie und den geopolitischen Wettlauf um Ressourcen
Smart Investor: Ihre Meinung bitte: Ist Öl heutzutage billig
oder teuer?
Kneissl: Inflationsbereinigt ist Öl
heute längst noch nicht so teuer wie während des zweiten Ölpreisschocks
1979/80. Derzeit haben wir eher eine Art Krise auf Raten. Meiner Meinung nach
sollte die Interpretation des Begriffs „teuer“ ohnehin dahingehend erweitert
werden, welcher politische und auch ökologische Preis für ein Faß Öl zu zahlen
ist. Unter den politischen Kosten verstehe ich u.a. die Vielzahl der
„Unheiligen Allianzen“ zwischen den westlichen Demokratien einerseits und den diktaturähnlichen
Regimes des Nahen Ostens andererseits, allen voran mit Saudi-Arabien, aber auch
mit Rußland. Davon abgesehen ist die Aufregung um einen hohen Benzinpreis
ohnehin obsolet, wenn dieser wie in den OECD-Staaten durchschnittlich zu 70 %
aus Steuern besteht.
Smart Investor: Welche Interessen bzgl. des Ölpreises verfolgt die OPEC
wirklich bzw. welche Macht über die Ölpreise hat die OPEC heute überhaupt noch?
Kneissl: Sie besitzt nur die immer
stumpfer werdende Waffe der Quotenregulierung ihrer Mitglieder, doch erreichen
läßt sich nur etwas, wenn auch die Non-OPEC-Mitglieder mitspielen. Und das
funktioniert nur, wenn der Preis derart niedrig ist, daß er allen Förderländern
wehtut, so wie 1998. Interessant macht die OPEC eben, daß mehr als drei Viertel
der vermuteten Erdölreserven auf dem Staatsgebiet ihrer Mitgliedsländer liegen.
Smart Investor: Apropos: Die Angaben zu den Öl-Reserven u.a. von
Saudi-Arabien sind ehrlich gesagt kaum mehr als eine riesige Black Box. Muß man
sich auf Überraschungen einstellen?
Kneissl: Die Reservendebatte ist
seit einiger Zeit wieder voll im Gange. Bei Kuwait beispielsweise kann man
davon ausgehen, daß die angegebenen Reserven überhöht sind. Die möchten sowohl
eine hohe OPEC-Förderquote haben als auch als Bündnispartner interessant
bleiben. Saudi-Arabien ist ein anderer Fall. Auch wenn man dort sicherlich kein
Feld mehr von der Größe und Güte von Ghawar, des weltgrößten Ölfeldes, finden
wird, so existieren doch immer noch einige unerschlossene Gebiete. Umgekehrt
gibt es positives Überraschungspotential z.B. in Libyen, wo man über Jahrzehnte
aufgrund des verhängten Boykotts mit antiquierter Technik auskommen mußte, auch
in Algerien.
Smart Investor: Wird die Geopolitik künftig ausschließlich durch die
vitalen Ölinteressen vor allem der Großmächte USA und China bestimmt werden?
Kneissl: Durch diejenigen Chinas
sogar noch mehr als durch die der USA. China importiert heute schon mehr Öl aus
Saudi-Arabien und dem Mittleren Osten als die Vereinigten Staaten. Die wiederum
sind vermehrt abhängig von Ländern wie Venezuela und Mexiko sowie den
Schieferölen aus Kanada. Über deren Eignung gibt es verschiedene Stimmen, auf
jeden Fall aber bieten diese Schieferöle keine Lösung, sondern nur eine wie
auch immer geartete Ergänzung. Den Wettlauf um Ressourcen beobachten wir
derzeit auch in Afrika.
Smart Investor: Schauen wir mal ein Jahrzehnt in die Zukunft. Welche
Entwicklungen haben Sie hier vor Augen?
Kneissl: Auf jeden Fall sehe ich
einen ganz anderen Energiemix, weg von den fossilen Energieträgern, sowie eine
deutlich höhere Energieeffizienz. Ich würde nicht ausschließen, daß Öl 2007
oder 2008 wieder niedriger als heute notiert, weil bis dahin neue Felder in die
Produktion kommen werden und natürlich, weil ein nachhaltig hoher Ölpreis
irgendwann eine Konjunkturabschwächung oder einen -einbruch nach sich ziehen
wird, womit die Erdöl-Nachfrage temporär sinkt. Sollte sich der Ölpreis
tatsächlich dauerhaft über 70, 80 oder gar 100 US-$ halten, so würde eine
ungeheure Innovationskraft freigesetzt werden, z.B. in der Automobilindustrie,
in der Energieeffizienz etc.
Smart Investor: Und eher
kurzfristig: Muß man sich um das politische Getrommle im Iran sorgen machen
hinsichtlich Auswirkungen auf den Ölpreis?
Kneissl: Ich meine, daß dort schon
das ganze Jahr über sehr viel hineininterpretiert worden ist, dennoch hat sich
der Ölpreis zuletzt wieder rund um seine Marktdaten herum bei knapp über 50
US-$ eingependelt. Letztlich unterliegt man auch in Teheran einem Pragmatismus
in Bezug auf die Ölpolitik.
Smart Investor: Frau Kneissl,
herzlichen Dank für das interessante Gespräch!
Interview: Falko Bozicevic
Voraussichtlich Anfang des Jahres
erscheint im FinanzBuch Verlag das Buch „Strategische
Rohstoffe Erdöl und Erdgas – Konflikte und Profite“ von Karin Kneissl.
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